Sonntag, 16. Januar 2011

Puzzleteile


Vor dem Internetzeitalter liebte ich Puzzle. Je größer desto besser. Der schönste Moment bestand für mich nicht darin das letzte Teilchen einzusetzen. Der schönste Moment war der, wenn durch ein relativ unbedeutendes Teilchen das ganze Bild plötzlich erkennbar wurde und man wusste, dass man den Durchbruch geschafft hatte. Die restlichen Teile fügten sich danach relativ einfach in das nun bekannte Ganze.

Genauso ging es mir vor einigen Tagen, als sich durch eine bis dato nie beachtete Aussage Jane Tanner's ein Puzzlestück hinzufügen ließ und damit plötzlich der hier besprochene Fall ein Gesamtbild ergab. Bis dahin arbeitete man an den verschiedenen "Farbinseln" wie der Smith Sichtung, der Zeitschiene des 3. Mai, den Diskrepanzen in den Aussagen und anderen scheinbar nicht zu vereinbarenden Einzelproblemen. Nun erkannte man plötzlich Zusammenhänge, die vorher keinen Sinn ergaben.

Immer bin ich davon ausgegangen, dass die Behauptung Madeleine hätte sich am Morgen des 3. Mai bei ihren Eltern darüber beschwert, dass diese sie weinend alleine im Apartment gelassen hätten, deshalb entstanden sei, weil die Eltern den Vorfall eines schreienden Kindes vom 1. auf den 2. Mai verlegen wollten, um einerseits Mrs. Fenn als Zeugin zu diskreditieren und andererseits zu beweisen, dass Madeleine am Abend des 2. Mai (und natürlich am 3. Mai) noch lebte. Ist man sich aber sicher, dass Madeleine am frühen Abend des 2. Mai noch lebte, bekommt diese Aussage eine andere Bedeutung.

Ja sie hatte auch am Mittwoch geschrien aber man wusste nicht, ob Mrs. Fenn dies gehört hatte. Man wusste zwar, dass sie am Dienstag ein Schreien gehört hatte, aber man schien zu vermuten, dass die Polizei bewusst eine Aussage zum entscheidenden Mittwoch zurückgehalten hatte.

Also musste man das viel bedeutendere Geschrei vom Mittwoch relativieren. In vielen Fernsehinterviews wurde das Schreien als belanglos, als kurzes Weinen vor dem Zubettbringen geschildert. Geschickterweise wurde dabei immer in der WIR Form gesprochen, obwohl Gerry nur kurz zum Duschen im Apartment war und dann gleich wieder voraus zum Restaurant ging und eine gestresste Kate mit einem hysterischen Kind und 2 Kleinen alleine ließ.

Ausserdem musste Jane nun das Märchen vom Tobsuchtsanfall ihrer Tochter erzählen, der sich vom Spielplatz bis zum Zubettbringen streckte. Konnte dies das Geschrei erklären, das Mrs. Fenn evtl. gehört hatte? 5D - das Apartment von Tanner/O'Briens lag allerdings recht weit entfernt von 5A. Für den Fall, dass man dies nicht glauben würde, erzählte Rachael noch eine merkwürdige Geschichte, die mich jahrelang irritiert hatte und die nun auch erklärbar ist.

Sie gibt an, dass Ella, Jane's Tochter an einem Abend bei ihnen zusammen mit ihrer Tochter gebadet habe. Ist sich aber über den Tag nicht sicher. Eine fast 4-jährige badet in einer fremden Wohnung ohne ihre Schwester oder Mutter zusammen mit einem Baby, dass zudem auch noch Durchfall hat?? Wenn man nun das Gesamtbild erahnt, lässt sich auch dieses Puzzlestück unterbringen. Falls die Erklärung mit dem Tobsuchtsanfall von Jane's Tochter nicht ausgereicht hätte, hätte man auch noch lärmende und schreiende Kinder beim Baden anführen können, das Bad lag direkt neben Madeleine's Kinderzimmer. Die alte Mrs. Fenn hätte dies sicher nicht unterscheiden können.

Das stundenlange Schreien am Dienstag war also für uns Betrachter nur deshalb so bedeutsam geworden, weil wir von ihm wussten. Das neuerliche Schreien am Mittwoch hatten wir wie einen blinden Fleck nie gesehen, weil wir uns auf den Dienstag konzentrierten.

Ich bin sicher, dass in den nächsten Wochen noch viele Puzzleteile ihren Weg in das Gesamtbild finden werden. Ein fixer Todeszeitpunkt ist jedenfalls ein großer Schritt in die richtige Richtung. Und das Beste daran: Sollte sich ein Tod VOR dem 3. Mai beweisen lassen, bedarf es keiner Leiche zu einer möglichen Verurteilung.

Jane Tanner: "She was so tired she just sort of crashed and screamed during bath time. I think that might have been, I’m not sure if that was the Wednesday, it could have been the Wednesday but she just had a complete, you know how the kids do when they’re tired, complete meltdown and there’s screaming and they’re so tired it was quite hard to settle her but then she just, she just crashed, but there was, I think that was the Wednesday night"


RIP

Kommentare:

  1. RIP - ja, da schließe ich mich an.

    Danke für all Deine Mühe!

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  2. Jane Tanner und Rachel Oldfield erzählen diese Stories nicht ohne Grund. Am Mittwochnachmittag / - abend hat es offenbar ein ensetzliches Schreien beim Apartment 5a der McCanns gegeben, das man zu erklären suchte. Ich meine gelesen zu haben, Mrs. Fenn sei am Mittwochaben nicht zu Hause gewesen. Vielleicht hat sie wegen des Geschreis das Weite gesucht, wer weiß?
    Ich wundere mich immer wieder, dass nicht mehr Zeugen auftauchen. Aber zu diesem Zweck hecheln die dubiosen PIs der McMafia in der Algarve herum, um potientielle Zeugen frühzeitig zu sichten. Unglaublich, welch komplexer, man ist fast geneigt zu sagen, krimineller Mechanismus in diesem Fall arbeitet.
    Am Ende sicher aber zum großen Teil durch Geld, deshalb versuchen die McCanns, den Geldstrom aufrecht zu erhalten. Dafür wurde das Kind regelrecht vermarktet, in zahllosen Interviews und Auftritten, in einem online Shop und demnächst auch mit einem Buch. Meine Hoffnung ist deshalb, dass mit dem Schwinden von Geld gleichzeitig ihre Position schwächer wird.
    Du hast recht, Johanna, ein Puzzleteil fügt sich ins andere und so ergibt sich ein klareres Gesamtbild.
    Eins der größten Rätsel ist für mich aber immer noch das intensive unerklärliche Engagement des schottischen Millionärs und Industriemagnaten Brian Kennedy, der höchstselbst in PDL Zeugen aufgesucht hat. Manchmal kommt mir der Gedanke, dass jemand erpresserische Handhabe gegen jemanden in hohen Regierungskreisen hat. Wie ist sonst die gewaltige Manipulation von Beweismaterial, z.B. im forensischen Labor in Birmingham, zu erklären? Vielleicht haben aber auch schon die hervorragenden Connections und der gewaltige Spendenfonds der McCanns gereicht, das äüßerst mysteriöse Verschwinden ihrer Tochter zu vertuschen.

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  3. Hallo Johanna,

    ich glaube fast, dass du einen Schlüsselpunkt erwischt haben könntest. Diese Bemerkung war mir gar nicht bewusst! Du meinst, dieses Schreien könnte auch Madeleine zugeordnet werden? Es könnte allerdings der Bemerkung der Meckies zugeordnet werden. Das ist wahr...Ich glaube fast, dass ich mir doch die ganzen Interviews nochmal durchlesen sollte...

    LG Sibylle

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  4. @Cody
    Einer möglichen Verbindung zu Brian Kennedy bin ich gerade auf der Spur. Ich suche zuallererst immer nach normalen Erklärungen. Ich bin kein Freund von Verschwörungstheorien und wie man an meinen letzten 3 Beiträgen sehen kann, lässt sich alles bis jetzt auch ohne die große Verschwörung erklären, ohne vorsätzlichen Plan und tausende von Helfershelfern.

    Einen Beweis für Manipulation von Beweismaterial habe ich bis jetzt auch noch nicht gefunden, nur eine sehr sehr vorsichtige Interpretation. Man muss bedenken, dass genau zu der Zeit als dort die Untersuchungen liefen, die LCN DNA Untersuchungen für einen einzigen Fall, den des Omagh Bombers, als nicht beweiskräftig eingestuft wurden und anschliessend wieder zugelassen wurde.
    http://www.suite101.com/content/setback-for-lcn-dna-a38889

    Scheinbar hatte das FSS in diesem Fall auch äusserst schlampig gearbeitet.

    Mein Knackpunkt ist und bleibt allerdings immer noch was anderes, die Aussage vor der britischen Polizei von CB, der Nanny von Madeleine. Hier vermute ich doch eine Beeinflussung der Zeugin in irgendeiner Art...

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  5. Danke Johanna für deine Arbeit, immer sehr interesant!

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