Samstag, 15. Oktober 2011

Mehr Clarence als man verträgt...

Deutsch/English


Thanks to Reggie Dunlop who found the missing two pages from this site.


Markiert sind die lustigsten Stellen...

Herr Mitchell, im November 2007 druckte das deutsche Satiremagazin Titanic eine fingierte Anzeige unter der Überschrift: »Find Maddie - in Ihrem Supermarkt ist eine Maddie versteckt«. Das mitlerweile weltbekannte Gesicht der vermissten Madeleine McCann war dort auf Zwieback- und Schokoladenpackungen und einem Haushaltsreiniger zu sehen, »der alle Spuren verwischt«. Sie bezeichneten den Beitrag im Namen der Familie McCann als »krank« und »respektlos«. Was war daran Ihrer Ansicht nach so skandalös
Clarence Mitchell: Hier wurde eindeutig die Grenze dessen überschritten, was bei journalistischen oder satirischen Beiträgen akzeptabel ist. Diese fingierte Anzeige war nicht witzig, sie hat Kate und Gerry McCanns Gefühle verletzt. Deshalb haben wir von den Verantwortlichen auch eine Entschuldigung verlangt und weitere rechtliche Schritte angedroht.

Die Titanic-Redaktion zeigte sich über die Drohung erfreut: Auf diese Weise bleibe das Blatt im Gespräch und erhalte kostenlose Werbung.
Zur Klage kam es dann auch nicht. Wichtig war, dass wir unseren Standpunkt sehr deutlich gemacht haben. Wenn ein Kind verschwunden ist, sind die Eltern verzweifelt - das Letzte, was sie in dieser Situation brauchen, sind irgendwelche Journalisten, die meinen, sie seien komisch. Die britischen Medien haben sich übrigens ebenfalls klar von dem Titanic-Beitrag distanziert, mit dem Tenor, dass hier wohl ein deutscher Humorversuch gehörig schiefgegangen sei.

Dass die britische Presse nicht amüsiert war, wundert nicht - auf sie zielte die Satire doch. Zeitungen und Zeitschriften haben an der Berichterstattung über das verschwundene Kind glänzend verdient. Bis zu 70.000 zusätzliche Ausgaben wurden pro Titel abgesetzt, wenn es Neuigkeiten zum Fall gab. Maddie wurde von den Medien zu dem gemaeht, was die Titanic mit der Anzeige drastisch demonstrierte: zu einem Mittel der Verkaufsförderung.
Ich verstehe durchaus, warum die Titanic-Leute die Geschichte gebracht haben: Sie wollten aufzeigen, dass wir Madeleines Gesicht im Stil eines Markenlabels vermarktet haben. Doch in der heutigen Zeit muss man so vorgehen, wenn man im Fokus der Medien bleiben will. Trotzdem mag ich es nicht, über ein kleines Mädchen wie Madeleine als >Marke< zu sprechen.

So wird dieses kleine Mädchen aber doch von Ihnen präsentiert. Über die sogenannte Find-Madeleine-Webseite wird sogar ein Versandhandel mit T-Shirts und Armbändchen betrieben.
In gewisser Weise mögen Sie Recht haben - es gibt tatsächlich Parallelen zum Marketing. Kate und Gerry beschlossen sehr früh, das Bild und den Namen ihrer verschwundenen Tochter zu verbreiten. Und in der modernen Mediengesellschaft konkurrieren verschiedene Geschichten nun einmal um Aufmerksamkeit. Deshalb muss man professionell an die Sache herangehen. Die Leute mögen sagen, das sei zynisch - ich betrachte es geradezu als Notwendigkeit.

Madeleines Vater Gerry betonte nach dem Verschwinden des Kindes, dass eine »Marketingkampagne« nötig sei, um sie zu finden. Seine größte Sorge sei, dass die Medien nach wenigen Tagen das Interesse an der Geschichte verlören. Das klingt, mit Verlaub, ziemlich abgebrüht.
Es ist Gerrys Natur, die Dinge nüchtern und fokussiert zu betrachten. Und auch ich war gezwungen, so zu denken. Uns blieb keine andere Wahl, als die Suche auf rationale und nahezu kommerzielle Weise zu organisieren.

Schon in der Nacht von Madeleines Verschwinden gingen den britischen Medien zahlreiche Fotos des Mädchens zu.
Das stimmt, allerdings nicht von den Eltern - Kate und Gerry waren viel zu beschäftigt damit, nach Madeleine zu suchen. Die Fotos kamen von Freunden und Verwandten in England. Das Internet hat bei ihrer weltweiten Verbreitung die entscheidende Rolle gespielt: Noch bevor Kate und Gerry die erste Nacht der Suche hinter sich hatten, war ihre Tochter zu einer Ikone geworden.

Wie kann eine Dreijährige über Nacht zu einer Ikone werden?
In dieser Medienwelt herrscht ständige Nachfrage und immenser Konkurrenzdruck: Für viele Redaktionen geht es heutzutage darum, mit einer Nachricht so schnell wie möglich auf den Markt zu kommen, um die Mitbewerber auszustechen. Das führt zu schlampiger Recherche, zu einer Minderung der journalistischen Qualität und immer öfter dazu, dass eine gesendete Meldung kurze Zeit später revidiert werden muss. Die Online-Medien haben diesen Wettbewerb noch verschärft: Plötzlich konkurrieren die BBC-Nachrichtensendungen mit der sendereigenen Internet-Seite darum, wer die Nachrichten zuerst bringt. Insgesamt entsteht so ein wahnsinniger Druck im Mediensystem, der sich nicht zuletzt auf diejenigen auswirkt, über die berichtet wird. Besonders wenn sie, wie die Familie McCann ganz plötzlich ins Fadenkreuz der Medien rücken.

Welche Auswirkungen hatte dieser Druck auf Sie, den Presse- sprecher der Familie?
Auf dem Höhepunkt des öffentlichen Interesses war die Geschichte auch für mich sehr belastend. Vor der Ferienwohnung der McCanns warteten bis zu 300 Medienleute, darunter allein 40 Fernsehteams. Ständig waren schnelle Antworten gefragt, und manchmal hätte ich mir gewünscht, dieses oder jenes anders gesagt zu haben. Es gab Tage in Portugal, an denen ich bis zu 200 Anrufe von Journalisten aus aller Welt bekommen habe, das war wirklich sehr anstrengend. Meine Frau war zeitweise nicht glücklich über meinen Job. Selbst wenn ich zuhause war, war ich nicht wirklich anwesend.Ständig hat dasTelefon geklingelt, ständig habe ich vor dem Computer gesessen.

Unter dem größten Druck standen Sie, als die McCanns Sie im September 2007 - nachdem Ihr Job als PR-Mann im Auftrag der britischen Regierung abgeschlossen war - auf eigene Rechnung als Pressesprecher zurückholten. Madeleines Eltern waren gerade selbst offiziell zu Verdächtigen erklärt worden und in den Fokus der Ermittlungen geraten. Wie war es dazu gekommen?
Ständig gelangten aus Polizeikreisen irgendwelche Gerüchte an die Öffentlichkeit - obwohl die portugiesische Gesetzgebung es der Polizei untersagt, Informationen nach außen zu tragen. Teilweise handelte es sich um unhaltbare Unterstellungen. Zum Beispiel wurden DNA-Spuren in einem Mietwagen der Eltern gefunden, und man behauptete, die Eltern hätten den Körper des toten Kindes damit weggeschafft. In Wahrheit hatten die McCanns Wochen nach Madeleines Verschwinden Kleider ihrer vermissten Tochter in diesem Wagen transportiert. DNA ist leicht übertragbar - kleinste Mengen von Schweiß oder Hautpartikeln reichen. Aus solchen Spuren zu schließen, dass ein Körper transportiert wurde, ist abwegig. Außerdem war der Wagen die ganze Zeit vor der Ferienwohnung geparkt und wurde 24 Stunden am Tag von Fernsehkameras gefilmt.

Für die Medien waren die Gerüchte aus Polizeikreisen ein gefundenes Fressen: Die Maddie-Story bekam eine neue Wendung.
So war es. In der portugiesischen Presse gab es damals eine grässliche Verleumdungskampagne gegen Kate und Gerry. Den Verantwortlichen war jedes neue Gerücht recht, um Maddie-Titelseiten zu produzieren. Jeden Tag ein neuer Skandal! Den McCanns wurde angedichtet, Sexpartys mit anderen Paaren veranstaltet zu haben; Gerry wurde bezichtigt, nicht Madeleines biologischer Vater zu sein. Solche böswillig unwahren Unterstellungen mussten unterbunden werden. Deshalb habe ich mich regelmäßig abseits offizieller Pressetermine mit Journalisten zusammengesetzt und ihnen unsere Version der Geschichte dargelegt. Dabei ging es nicht darum Madeleines Eltern in günstigem Licht erscheinen zu lassen, sondern allein um eine faire, ausgewogene Berichterstattung.

Doch gutes Zureden allein war offenbar nicht ausreichend, denn im Namen der McCanns wurde eine Verleumdungsklage gegen die große britische Zeitungsgruppe Express angestrengt, die im März 2008 vor Gericht Erfolg hatte.
Diese Klage war nötig, um unser größtes Problem zu lösen: Unterschiedliche Blätter übernahmen ungeprüft Falschmeldungen voneinander, die so den Anschein des Wahren bekamen. Wenn montags eine Schmutzkampagne in einer portugiesischen Zeitung lief, wurde die am Dienstag von britischen Blättern reproduziert. Und mittwochs hieß es dann in Portugal: Der renommierte Daily Express hat unsere Geschichte bestätigt, es muss also etwas Wahres dran sein. Es war ein Kreislauf des Unsinns, und die Blätter der Express Group haben ihn am eifrigsten angetrieben. Das hat den Verlag 550.000 Pfund Schadensersatz gekostet. Die Express-Tageszeitungen waren nach unserer Klage gezwungen, sich auf der Titelseite bei Kate und Gerry zu entschuldigen. Mit diesem Gerichtsurteil konnten wir die britische Presse deutlich in ihre Schranken weisen.

Sind Klagen das einzige Mittel, um den Boulevard unter Kontrolle zu bekommen?
Kontrollieren sollte man nur, was außer Kontrolle geraten ist. In einer Demokratie ist es jedem Menschen erlaubt, seine Meinung - innerhalb der gesetzlichen Grenzen - frei zu äußern. Deswegen halte ich nichts davon, Journalisten kontrollieren zu wollen. Viele PR-Leute sehen das anders und reagieren auf Reporterfragen immer noch mit einem barschen: »Kein Kommentar!< In der heutigen Zeit ist diese Antwort ein großer Fehler - sie hilft niemandem und ist extrem schlecht für den Ruf. Ich habe im Gegensatz dazu immer versucht, der Presse gegenüber so offen und ehrlich zu sein wie möglich. So erreicht man meiner Meinung nach weitaus mehr »Kontrolle« als mit jeder Abwehrhaltung. Rechtliche Schritte müssen daher das letzte Mittel bleiben.

Zu diesem letzten Mittel haben Sie gegriffen. War Ihnen die Kontrolle über die Geschichte entglitten?
Phasenweise war das so. Die Medien waren verrückt nach der Story, und so hat sie eine unglaubliche Eigendynamik entwickelt.

Sie wurden also die Geister, die Sie riefen, nicht mehr los?
Da ist was dran. Wer mit den Medien ins Bett geht, muss sich auf alles einstellen - auch darauf, dass sie einem sehr wehtun können. Die Maddie-Story hatte sich irgendwann verselbständigt. Wir mussten nur eine Pressekonferenz geben, einen Kommentar oder ein Bild veröffentlichen, und schon wurde das über Tage in den Medien behandelt. Die Story hatte eine solche Eigendynamik, dass ich sie nicht wirklich steuern konnte. Es war mir möglich, sie hier etwas zu kanalisieren, da zurückzudrängen oder auch voranzutreiben, aber aufhalten konnte ich sie nie. Die Medien wollten diese Story.

Und Sie haben sie nach Kräften am Laufen gehalten. Sie haben mit den McCanns sogar eine Tour durch europäische Metropolen unternommen, im Privatjet, von Sponsoren finanziert.
Moment, das war keine Rock-'n'-Roll-Tour! Wir haben einfach darüber nachgedacht, wohin Maddie gebracht worden sein könnte. Die meisten Algarve-Touristen kommen aus Großbritannien. Deutschland und den Niederlanden. Also haben wir beschlossen, eine Reise nach Berlin und Amsterdam zu organisieren, um auf Maddie aufmerksam zu machen. Der Höhepunkt war ein Besuch beim Papst. Der Vatikan ist doch auf uns zugekommen. Der britische Klerus rief an und ließ ausrichten: Der Papst verfolge die Geschichte im Fernsehen. er sehe ein katholisches Paar in Not und biete eine Audienz an. Ich dachte: fantastisch, spirituelle Unterstützung für die McCanns. Doch Kate und Gerry lehnten zunächst ab, sie wollten sich nicht wichtigmachen. Also sagte ich: Überlegt es euch, ich kann das möglich machen. Da sagten sie zu.

Trotz all der PR brachte die Suche bisher nicht den entscheidenden Hinweis. Wie viele wertlose Tipps haben Sie bekommen?
Etwa 4000 Hellseher und selbst ernannte Medien haben uns genaue Hinweise auf den angeblichen Aufenthaltsort von Madeleine gegeben. Wir sind allen nachgegangen, und alle waren falsch. Wir hatten einige bösartige Informanten, ein paar Erpressungsversuche, sogar einige Morddrohungen. Bei einer Angelegenheit dieser Größenordnung bringt sich jede Form menschlicher Existenz ein, ob gut- oder böswillig. Trotzdem wird jeder ernst zu nehmenden Information nachgegangen, entweder kümmert sich die Polizei darum oder unsere Privatermittler.

Können Sie uns konkreter sagen, welche Art von Informationen Sie bekommen?
Mir wird beispielsweise gesagt, dass Madeleine auf bestimmten Flügen gebucht sei, inklusive genauer Sitzplatzangaben. Sie soll in Chile und Moskau gesehen worden sein, in Sydney und auf Malta. Andere geben mir Autonummernschilder an, nennen Adressen in aller Welt. Aber meistens höre ich irgendwelche abwegigen Geschichten, etwa dass Maddie in einem Schiff auf den Wolken spazieren fährt.

Ist es nicht frustrierend, ständig Märchen aufgetischt zu bekommen?

Das ist es. Frustrierend war auch die Arbeit der portugiesischen Polizei, die ihre Ermittlungen eingestellt hat. Trotzdem ist die Suche noch lange nicht vorbei. Die Gönner der McCanns finanzieren weitere Privatermittlungen. Wir sind international vernetzt. Jüngst wurde ein Mädchen in Chile gesichtet, das Madeleine hätte sein können - ein Ermittlungsteam war drei Stunden später vor Ort. Über Interpol hätte das drei Wochen gedauert. Außerdem sind diese vermeintlichen Hellseher (siehe oben 4000:0) manchmal durchaus ernst zu nehmen. In der Vergangenheit haben sich Entführer schon als "Medien" ausgegeben, um Hinweise auf den Fundort vermisster Personen zu geben, ohne selbst gefasst zu werden.

Wie denkt die Polizei über Ihre Privatermittlungen?

Sie ist nicht besonders glücklich über unsere Arbeit. Doch wir leiten selbstverständlich alles Relevante an sie weiter. Hätten die Polizisten ihren Job von Anfang an gut gemacht, wären sie unvoreingenommen an die Sache herangegangen, hätten wir noch viel lieber mit ihnen zusammengearbeitet.

War Ihnen von Anfang an klar, dass das Verschwinden dieses kleinen Mädchens zum Medienereignis des Jahres werden würde?


Schon als ich das erste Mal von Madeleines Verschwinden hörte, dachte ich: Das wird eine große Sache! Ein fotogenes kleines Mädchen verschwindet unter mysteriösen Umständen. Dazu das gesamte Umfeld: eine glückliche, gut verdienende Ärztefamilie mit süßen Kindern im wohlverdienten Urlaub - und dann dieser Schicksalsschlag.
Gerry McCanns Schwester stellte nüchtern fest, dass die Presse kaum so gut an der Geschichte verdient hätte, wäre Madeleines Mutter Kate "fett und pickelig".
Auch ich glaube nicht, dass sich die Medien derart auf eine arme, benachteiligte Familie gestürzt hätten, der etwas Ähnliches passiert wäre. Der soziale Status der McCanns war aber nicht der einzige Faktor, der das ungeheure Interesse an dieser Geschichte erklärt. Es ging auch um elterliche Verantwortung im Allgemeinen, um die Kompetenz der Polizei, um die Zusammenarbeit beziehungsweise Nichtzusammenarbeit zwischen portugiesischen und britischen Behörden. Dazu kamen fast täglich neue Gerüchte. So wurde der Fall Madeleine jenseits der eigentlichen Suche schnell zu einer Art Seifenoper.

Wie viel Fiktion steckt im Fall Maddie? Bücher und Filme sollen bereits in Arbeit sein.
Der Fall gleicht tatsächlich einem Unterhaltungsroman - alle dazu nötigen Elemente sind vorhanden. Unsere Aufgabe ist es, die Geschichte zurück in die Realität zu holen. Denn ihr Kern ist sehr real: Ein kleines Mädchen ist verschwunden - weil Madeleine eine Ikone geworden ist, neigen die Leute dazu, das zu vergessen. Und es gibt keinen Beweis, dass das Kind verletzt oder sogar getötet wurde. Kate und Gerry sind nicht naiv. Sie wissen, dass sie tot sein könnte. Sie haben seit Madeleines Verschwinden mehr über Pädophilie und Kindesentführung erfahren, als sie jemals wollten. Und doch hoffen sie noch, dass ihre Tochter irgendwo festgehalten, aber umsorgt wird.

Für Sie war der Fall der Auslöser, den Beruf zu wechseln und sich auf PR zu verlegen. Zuvor hatten Sie viele Jahre als Journalist gearbeitet. Trotz Ihrer relativen Unerfahrenheit wurden Sie vom Boulevard bereits als "PR-Guru" bezeichnet. Ist das nicht lächerlich? 

Ich habe 25 Jahre als Journalist gearbeitet, war zwölf Jahre bei der BBC. Dann warb mich die Regierung Blair an: Als Leiter der Media Monitoring Unit war ich dafür verantwortlich, die mediale Berichterstattung zu analysieren, Politiker über aktuelle Geschehnisse zu informieren und Abgeordnete zu informieren und Abgeordnete zu beraten. Leider eine ziemlich bürokratische Tätigkeit. Darum hatte ich meinen Vorgesetzten gefragt, ob ich wieder etwas mehr journalistisch arbeiten könne. Ich dachte an Anlässe wie ein Bombenattentat oder den Ausbruch einer Seuche. Dass ich es mit einem entführten Mädchen zu tun bekommen würde, hätte ich nicht gedacht.

Ist es normal, dass ein Staat für Bürger in Not PR-Personal abstellt?
Als Madeleine verschwunden war, schickte mich die Regierung nach Portugal, um die Polizeisprecher vor Ort zu unterstützen. In Großbritannien ist das kein ungewöhnlicher Vorgang: die britische Botschaft in Portugal war mit dem überwältigenden Medieninteresse überfordert. Ich verbrachte mehrere Wochen mit den McCanns und wurde dann auf meinen Posten zurückgerufen. Aber wir haben privat Kontakt gehalten. Und als ein wohltätiger Geschäftsmann sich dann bereit erklärte, mir ein angemessenes Gehalt zu bezahlen, kündigte ich meinen Job in London - und kümmere mich seitdem hauptberuflich um die McCanns. So bin ich quasi in die PR-Branche hineingerutscht.

Zuerst waren Sie Journalist, dann Beamter und sind nun PR- Mann. Puristen würden sagen, dass Sie sich immer weiter vom journalistischen Ideal verabschiedet haben.
Ich kann nicht behaupten, dass ein PR-Job mein großer Traum war. Ich hatte mich bei der BBC gemütlich eingerichtet, aber ich wollte mehr. Ich wollte eine Spitzenposition und kam nicht so recht voran. Also habe ich mir irgendwann gesagt: Wollen wir doch mal sehen, was sonst noch so möglich ist. Als ich dann für die McCanns arbeitete, merkte ich, wie sehr Menschen, die plötzlich im Mittelpunkt medialer Aufmerksamkeit stehen, Unterstützung brauchen. Diese ständige Belagerung hält kein Mensch aus - und doch muss man damit umgehen. Mir wurde klar: In dieser Branche steckt Potenzial.

Soll das heißen, auch Privatleute brauchen heute PR-Berater?
Wer weiß, vielleicht habe ich tatsächlich ein neues Geschäftsmodell entwickelt. Aber letztlich müssen die Menschen in so einer Situation selbst entscheiden, ob sie sich professionelle Unterstützung holen. Generell gilt: Die Äußerung eines Betroffenen ist immer besser als die eines Pressesprechers. Es heißt. PR-Profis wie ich könnten die Dinge bei Bedarf wenden und verdrehen. Manchmal trifft das sicher zu. Etwa wenn ich Lügen aus der Welt schaffen möchte. Manchmal bin ich aber einfach ein Vermittler. Wenn Sie ein Kind verloren haben, sind Sie mit einer Horde Reporter vor Ihrer Haustür überfordert. Zumal das Interesse der Medien mittlerweile über lange Zeit anhalten kann. Je bedeutender die Medien für unser Leben werden, desto gieriger werden sie auch. Deshalb kann professioneller Beistand nützlich sein. Nur ist er nicht ganz billig.

Nicht viele Familien in vergleichbaren Umständen haben reiche Gönner wie die McCanns. Der PR-Mann in der Not ist doch absoluter Luxus.
Ich behaupte nicht, dass der Fall Maddie als Blaupause für andere Fälle taugt. Er ist wahrlich einzigartig. Trotzdem berate ich derzeit drei andere Familien in ähnlich tragischen Situationen. Die haben von mir gehört und sich in ihrer Verzweiflung an mich gewendet. Über mangelnde Nachfrage kann ich mich also nicht beschweren.



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More Clarence than we can digest...





Mr. Mitchell, in November 2007, the German satirical magazine Titanic printed a fake ad under the headline: "Find Maddie - In your supermarket is a hidden Maddie". The now world-famous face of missing Madeleine McCann was there to be seen on biscuits and chocolate wraps and a household cleaner, “wiping all traces". You described the article on behalf of the McCann family "as" sick "and" disrespectful. What do you think was so scandalous about it?

Clarence Mitchell: This clearly exceeded the limits of what is acceptable in journalism and satirical articles. This fake ad was not funny, it hurt Kate and Gerry McCann's feelings. Therefore we demanded an apology from those responsible, and threatening further legal action. 
The Titanic editor was pleased with the threat: In this way, the paper remained in the conversation and got free advertising.

It then did not come to legal action. The important thing was that we had made our position very clear. If a child is missing, the parents are desperate - the last thing they need in this situation, are journalists who think they are funny. The British media have also, incidentally, clearly distanced themself from the Titanic article, with the tenor, that it had been a German attempt at humour that had gone awfully wrong.


No wonder that the British press was not amused - the satire was aimed at them. Newspapers and magazines had earned brilliantly with the coverage of the missing child. Up to 70,000 additional copies were sold per title when there were news to the case. Maddie was made by the media into what the Titanic dramatically demonstrated with the display: a means of promotion.

I can understand why the Titanic people have brought the story: They wanted to show that we have sold Madeleine's face in the style of a brand label. But in this day and age you have to act that way if you want to stay in the media spotlight. Nevertheless, I do not like to talk about a little girl like Madeleine as a 'brand'. 


But this is how the little girl is presented by you. Even a mail order business with T-shirts and wristbands is being operated from the so-called Find Madeleine website.

In a way, you may be right - there are actually parallels to marketing. Kate and Gerry decided very early on to spread the image and the name of her missing daughter. And after all in the modern media aera different stories compete for attention. Therefore, we have to approach the matter professionally. People may say it's cynical - I consider it almost a necessity.
Madeleine's father Gerry said after the disappearance of the child, that a "marketing campaign" was necessary to find her. His biggest concern was that the media would lose interest after a few days in history. It sounds, Sir, quite callous.

It is Gerry's nature, to look at things sober and focused. And also I was forced to think like this. We had no choice but to organize the search in a rational manner and almost commercially. 
Already during the night of Madeleine's disappearance numerous photos of the girl arrived at the British media .

That's right, but not by the parents - Kate and Gerry were too busy looking for Madeleine. The photos were supplied by friends and relatives in England. The Internet has played a decisive role in their global distribution: Before Kate and Gerry had finished the first night of the search, their daughter had become an icon. 
How can a three year old become an icon overnight ?

In this media world, there is constant demand and immense competition: For many editors, it is essential to get a message onto the market as soon as possible to outdo competitors. This leads to sloppy research, a reduction of journalistic quality and more often to ensure that a once published message has to be revised only a short time later. The online media have exacerbated this competition even further: Suddenly the BBC news broadcasts compete with their own Internet site to see who brings the news first. This creates such an insane pressure within the media system that affects not least those reported about. Especially if they, like the McCann family, are quite suddenly in the focus of the media. 
What effect had this pressure on you, the press spokesman for the family?

At the height of public interest the story for me was very stressful. In front of the apartment of the McCanns were waiting up to 300 media people, including 40 television teams. Fast responses were constantly asked for, and sometimes I would have liked to have put this or that in other words. There were days in Portugal, when I got 200 calls from journalists from around the world, which was really tiring. My wife was at times not happy with my job. Even when I was at home, I was not really present. The phone was ringing permanently, I always sat at the computer. 
You were under the most pressure when the McCanns in September 2007 brought you back as their private spokesperson on their own account after your job as a PR man employed by the British government had ended. Madeleine's parents had just been officially declared suspects and come into the focus of the investigation. How did it happen?

Constantly rumors were given to the public by police sources - even though the Portuguese law prohibits police information to get out. Partly they were untenable assumptions. For example, DNA traces were found in the parent's rental car and they claimed that the parents had taken away the body of the dead child with the help of the car. In truth, weeks after Madeleine's disappearance the McCanns had transported garments of her missing daughter in the car. DNA is easily transferable - the smallest amount of sweat or skin particles is enough. Judging from these traces that a body was transported, is erroneous. Additionally, the car was parked in front of the apartment 24 hours a day and was filmed by television cameras. 
For the media the rumors from police circles were exactly what they were waiting for: The Maddie story got a new twist.

So it was. At that time there was a terrible smear campaign against Kate and Gerry n the Portuguese press. Those responsible used each new rumor to produce Maddie title pages. Every day a new scandal! The McCanns were imputed to have hosted sex parties with other couples, Gerry was accused of not being Madeleine's biological father. Such malicious false allegations had to be stopped. That's why I regularly assembled journalists away from the official press conferences and presented them our version of the story. It was not to paint Madeleine's parents in a favorable light, but only to guarantee a fair and balanced reporting. 
But moral suasion alone was apparently not sufficient, because a defamation lawsuit against the major British Express Group that had been strained in the name of the McCanns in March 2008, proved successful in court.

That action was needed to solve our biggest problem: Different rags copied unaudited false reports of each other, giving the the appearance of truth. If on Monday there had been a smear campaign in a Portuguese newspaper it was reproduced on Tuesday by British papers. And then on Wednesday it Portugal reported: The renowned Daily Express has confirmed our story, so there must be some truth to it. It was a cycle of nonsense, and the papers of the Express Group had propelled it most fervently. That cost the publisher 550 000 pounds in damages. After our lawsuit the Express newspapers were forced to apologize on the front page to Kate and Gerry. With this verdict, we were able to put the British press firmly in their place.
Lawsuits are the only means to get to the boulevard under control?

You should only control what is out of control. In a democracy it is allowed to each man to express freely his opinion - within the legal limits. That's why I do not believe in trying to control journalists. Many PR people see things differently and respond to reporter's questions with a gruff: "No comment.'' In today's world this response is a big mistake - it does not help anyone and is extremely bad for the reputation! In contrast, I have always tried to be as open and honest as possible to the press. This is how you reach much more "control" than with any defensiveness in my opinion. Legal action must therefore remain a last resort.
You had to resort to this last measure. Did you lose control over the story?

That was the case in some phases. The media were crazy about the story, and it had developed an incredible momentum. 
So you could not get rid of the spirits that you had called anymore?

There is something to it. Who goes to bed with the media, has to adjust to everything - even the fact that they can hurt you a lot. The Maddie story had eventually become independent. We just had to give a press conference, a comment or post a picture, and it would be discussed for days in the media. The story had such momentum that I could not really control it. It was possible for me to channel it a bit here, and promote or restrain there, but I could never stop it. The media wanted this story. 
And you have deliberately kept it going. You even made a tour through European capitals with the McCanns in a private jet, financed by sponsors.

Just a minute, this was not a rock-'n'-roll tour! We had just been thinking about where Maddie could have been brought. Most of the Algarve tourists come from Great Britain, Germany and the Netherlands. So we decided to organize a trip to Berlin and Amsterdam, to draw attention to Maddie. The highlight was a visit to the Pope. It had been the Vatican who approached us. The British clergy called and sent a message: The Pope followed the story on television. He saw a catholic couple in need and offered an audience. I thought, fantastic, spiritual support for the McCanns. But Kate and Gerry refused at first, they did not want to make themselves important. So I said: Think it over, I can make it happen. Then they said yes. 
Despite all the PR, the search has so far not produced the decisive clue. How many worthless tips did you get?

Approximately 4,000 self-proclaimed clairvoyants and mediums have provided detailed comments on the alleged whereabouts of Madeleine.We have investigated all of them, and they were all wrong. We had some malicious informants, a few attempts at extortion, and even some death threats. With a matter of this size it brings any form of human existence along, whether benign or malevolent. Nevertheless, each serious information is followed up, either by the police or our private investigators. 
Can you tell us concretely what kind of information do you get?

I, for example, was told that Madeleine was booked on specific flights, including exact seat details. She was supposed to be in Chile and Moscow, was seen in Sydney and in Malta. Others gave me car number plates or locations around the world. But mostly I hear any perverse stories about Maddie traveling in a ship on the clouds.

Is not it frustrating to constantly get served these tales?
Yes it is. Frustrating was also the work of the Portuguese police, which has closed its investigation. Nevertheless, the search is not over yet. The patrons of the McCanns fund further private investigations. We are an international network. Recently, a girl was seen in Chile, which could have been Madeleine - an investigation team was on site three hours later. Via Interpol it would have taken three weeks. Moreover, these supposed clairvoyant sometimes have to be taken quite seriously. In the past, kidnappers have called as a "medium" to provide information on the whereabouts of missing persons, so as not to be caught.
What does the police think about your private investigation?
They are not very happy about our work. But of course we take all relevant material to them. Had the police done their job well from the start, had they approached the matter impartially, we would have worked even better with them.
Were you aware from the beginning that the disappearance of this little girl would be a media event of the year?
Even when I first heard of Madeleine's disappearance, I thought: This will be a big thing! A photogenic little girl disappears under mysterious circumstances. Add the entire circumstances: a happy, well-paid family of doctors with cute kids on a well-deserved holiday - and then this stroke of fate.
Gerry McCann's sister noted soberly that the press would have make so much money out of the story had Madeleine's mother Kate been "fat and pimply."
I also do not think that the media had fallen like this if something similar had happedned to a poor, underprivileged family. The social status of the McCanns was not the only factor that explains the enormous interest in this story. It was also about parental responsibility in general, the competence of the police and the cooperation or non-cooperation between Portuguese and British authorities. Adding the almost daily rumors. Thus, beyond the actual search, the Madeleine case quickly turned into a kind of soap opera.
How much fiction is in the case of Maddie? Books and films should already be in progress.
The case actually resembles a popular novel - all the necessary elements are present. Our mission is to bring the story back to reality. Because its core is very real: A little girl is gone - because Madeleine has become an icon, people tend to forget that. And there is no evidence that the child was injured or even killed. Kate and Gerry are not naive. They know that she could be dead. They have learned more about pedophilia and child abduction than they ever wanted since Madeleine's disappearance. And yet they still hope that their daughter is kept somewhere, but will be cared for.
This case was the trigger for you to switch careers and to move to PR. You had previously worked many years as a journalist. Despite your relative inexperience, you were already called a "PR guru" by the Boulevard.
Isn't that ridiculous? I've worked 25 years as a journalist, was twelve years at the BBC. Then I enlisted the Blair government: As head of the Media Monitoring Unit I was responsible for analyzing the media coverage, informed politicians about current events and advised MPs. So I asked my boss if I could work again a little more journalisticly. I was thinking of events such as a bomb attack or an outbreak of plague. That I would have to deal with a kidnapped girl, I would not have thought. 
Is it normal that a country provides PR staff to citizens in need?

When Madeleine disappeared, the government sent me to Portugal to assist the police spokesmen on the spot. In the UK the process is not unusual: the British Embassy in Portugal was overstrained with the overwhelming media attention. I spent several weeks with the McCanns and was then called back to my post. But we kept private contact. And as a benevolent businessman then agreed to pay me a decent salary I quit my job in London - and since then took full time care of the McCanns. That is how I slipped into the PR industry.
First you were a journalist, then a civil servant and are now an official PR man. Purists would say that you have strayed further and further from the journalistic ideal.

I can not say that a PR job was my big dream. I had established myself comfortably at the BBC, but I wanted more. I wanted a top position and did not really progress. So I eventually said: So let's see what else is thus possible. When I worked for the McCanns, I realized how much support people need who are suddenly at the focus of media attention. This constant siege no one can endure - and yet you have to deal with it. I realized that in this industry was potential. 
You mean, even private people today need a PR consultant?

Who knows, maybe I've actually developed a new business model. But ultimately people have to decide in such a situation if they should get professional help. Generally speaking, the utterance of an affected person is always better than that of a spokesperson. They say PR pros like myself could change and twist things if necessary. Sometimes this is certainly true. For example when I want to rid the world of lies. Sometimes I'm just a facilitator. If you have lost a child, you are overwhelmed by a horde of reporters at your front door. Especially since the interest of the media can stay for a long time. The more important the media are for our lives, the greedier they become. Therefore, professional assistance may be useful. Only it is not exactly cheap.
Not many families in similar circumstances have rich patrons like the McCanns. The PR man in need is still an absolute luxury.

I do not claim that the Maddie case is good as a blueprint for other cases. It is truly unique. Nevertheless, I currently advise three other families in similar tragic situations. They have heard of me and turned in desperation to me. I can not complain about a lack of demand.

Kommentare:

  1. Danke Johanna, da hast Du Dir wieder irre viel Arbeit gemacht.
    Ist ein toller Beitrag....schade das die 2 Seiten fehlen mit den gebuchten Flügen.

    LG
    Caro

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  2. Danke Caro, arbeite noch an einer Übersetzung.

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  3. Danke Johanna, ich lese immer gern was du schreibst!

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